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Polyesternester

© Quarterl1fe
© Quarterl1fe


Bei manchen Tieren, wenn man denen in die Augen guckt, sieht man, dass die was checken. Zum Beispiel ein Border Collie oder ein Elefant. Bei Elefanten denkt man immer, die haben alles verstanden, was es zu verstehen gibt. Da fehlt wirklich nur noch der Daumen. Oder Wale. Die durchschauen einfach viel, und wenn man die Sprachbarriere überwinden würde, wären auch Matrizen und Aktien kognitiv kein Problem für die. Anders als für mich zum Beispiel, oder für Tauben.

Tauben, mit diesen etwas gruseligen roten Augen, die immer etwas dämlich aussehen. Tauben haben pro Tag vielleicht einen Einfall, und der Einfall ist „Pommes“. Bei mir ist das an manchen Tagen auch so. Eine Taube wäre maximal überfordert damit, einen Wohngeldantrag zu stellen. Guess what?


Wenn ich am Bahnhof stehe und auf den Zug warte, haben die Bahnhofstauben im Schnitt eineinhalb Füße. Weil sie sich auf eine glühende Zigarette gesetzt haben oder so. Und wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, um auf dem Snackautomaten hinter die Anti-Tauben-Spikes zu gucken, kann ich da manchmal ein Taubennest entdecken. Nest in Anführungszeichen. Es besteht zu höchstens fünfzig Prozent aus nest-angemessenen Sachen wie Zweigen und Federn. Die anderen fünfzig Prozent sind vielleicht Einwegvapes, Haarklammern und Kaugummis. Das Erste, was Taubenbabys sehen, wenn sie schlüpfen, ist Mikro- und Makroplastik. Dann erst Mama.

Und Mama ist gestresst, wegen der Deutschen Bahn, und weil überall Chaos ist und Baustelle. Es ist nie ruhig. Die Kleinen haben ständig Hunger und wollen wachsen. Zum Glück ist Papa fleißig bei der Futtersuche, und kreativ ist er auch! Gestern gab’s Börek und Brezel. Heute gibt’s Nuggets und Nylon. Komisch, dass die Kleinen nur so langsam wachsen. Dabei sammelt er wirklich Tag und Nacht. Er ist eigentlich der geborene Provider, er würde alles für seine Familie tun. Die Stadt bietet halt nur nicht so viel.


In meinem Nest sind auch Haarklammern und Makroplastik. Ich esse ähnlich gesund wie die Taubenbabys und bin ähnlich gestresst wie die Taubeneltern. In meinem Nest zieht es nicht ganz so doll wie auf dem Snackautomaten und ich bin stolze Besitzerin zweier vollständiger Füße. Parasiten habe ich auch keine, zumindest juckt es mich nur, wenn ich anfange darüber nachzudenken. In meinem Nest ist Laminat.

Die Tauben und ich können uns durch mein Zimmerfenster angucken, sie draußen auf dem Baum, ich drinnen auf dem Bett. Sie mit Nieselregen in den Federn, ich mit Schuppen in den Haaren. Sie kacken auf die Straße, ich eigentlich nicht. Sie denken an den harten Winter, ich denke an den harten Winter. Sie denken an einen trockenen Ort, ich denke an die Gasrechnung, an die schimmelnden Badezimmerecken. Wir denken beide an die dunklen, kalten, feuchten Morgen. Wir halten beide das Gefieder in die blasse Sonne.


Könnte ich ein besseres Nest bauen als die Taube? Könnte die Taube einen besseren Wohngeldantrag stellen als ich? I doubt it. Wir haben beide so unsere Probleme mit dem System. Ich würde auch nur ungerne meinen Kindern vorverdaute Pommes in den Rachen würgen. Wenn ich auf die „Zusätzliche Erklärung zum Antrag auf Wohngeld über Zusatzeinkünfte“ gucke, fühle ich mich auch, als wäre ich früher nur mit Mikroplastik gefüttert worden: Unterentwickelt. Eher dämlich.

Die Taube vor meinem Fenster fliegt auf, flattert näher, landet draußen auf dem Fensterbrett und tackt mit ihrem Schnabel ans Glas. Ich mach auf, sie sagt: „Wenn du mich nicht domestiziert hättest, weil es noch kein DHL gab, hätte ich mich nicht an ein Leben bei Menschen angepasst und könnte jetzt ein ordentliches Nest für meine Kinder bauen, du Hurensohn.“ Sie scheißt auf die Fensterbank und segelt vom Dach. Ich denke: „Da steckt doch irgendwo eine Analogie drin“, aber die Waschmaschine piepst und ich muss Wäsche aufhängen gehen.


Die Taube ist latent erfolglos in der Moderne. Sie ist nicht mehr systemrelevant. Sie kann nicht arbeiten, nicht gut genug bauen. Sie hat zu viele Mängel, zu viele Probleme. Sie ist nicht leistungsfähig genug. Es ist lästig, sie mitzuversorgen. Die Taube hat keinen lückenlosen Lebenslauf, was ein Opfer. Hoffentlich ist es ihr wenigstens peinlich. Da ist sie doch, die Analogie.

Die Taube kuschelt sich an ihre Kids und Kippen. Ich füge die Semesterbescheinigung für mein 14. Hochschulsemester an den Wohngeldantrag. Wir schämen uns.

Ich lege eine Hand voll Sonnenblumenkerne aufs Fensterbrett. Die Taube und ich schauen uns in unseren Polyesternestern an. Sie breitet die Flügel über den Kleinen aus, ich schicke den Antrag ab. Wir sind noch da.





Helena Jansen (*1998) schreibt und malt und bastelt und hat seit einer Weile einen Lötkolben, den sie sich noch nicht getraut hat zu benutzen. Sie hat zwei Katzen, undichte Fenster und frönt dem Kapitalismus am liebsten im Kreativmarkt.

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