Wenn ein Introvertierter versucht, extrovertiert zu spielen
- LuBy
- 20. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Eigentlich hatte ich nie Probleme mit dem Schlafen gehen, mit dem zu Hause sein. Doch das sah Anfang meiner Zwanziger anders aus. Ich ging kaum rechtzeitig zu Bett, geschweige denn, dass ich überhaupt erholsamen Schlaf bekam. Zu sehr hielt mich das Speed, das ich gezogen hatte, wach. Auch gab es keine Tage mehr, die ich einfach zu Hause verbrachte, Fernsehen sah, Bücher las oder einfach nichts tat. Die Dinge, die mich immer ausgemacht hatten. Jetzt bekam ich Panikattacken, wenn meine Wochenenden nicht verplant waren mit Vortrinken, Partys und Afterhours. Bloß keine Zeit mehr in der Stille zu Hause verbringen.
Warum eigentlich? Ich hatte mich doch immer am wohlsten gefühlt, wenn ich für mich war. Ohne den Trubel der ganzen Menschen um mich herum, nach dem ich nun süchtig geworden war. Spielte ich mir nicht etwas vor? Tat ich nicht so, als sei ich ein extrovertierter Mensch, obwohl ich doch eigentlich ein introvertierter war?
Es hatte spaßig angefangen. Ich lernte auf einer Dating App Ahmet kennen, den 23-jährigen Türken, der sich mit mir schon nach kurzem Smalltalk traf. Die Chemie stimmte sofort, das Gespräch lief flüssig und die Zeit verging so schnell, dass ich gar nicht bemerkte, dass es schon mitten in der Nacht war. Ich wollte nicht, dass der Abend endete, und so entschied ich mich, noch mit Ahmet auf eine Party zu gehen. Partys gehörten eigentlich nicht zu meinem Repertoire. Doch das Kribbeln in meinem Bauch, das Ahmet in mir auslöste, überzeugte mich. Auf dieser Party lernte ich dann auch den nächsten kennen, der dieses euphorische Gefühl in mir auslöste. Mr. Speed. Oder wie ich ihn heutzutage nenne: Mr. Danke für diese Lektion, ich möchte dich nie wieder sehen.
Im Nachhinein betrachtet war der Sog wohl eine Kombination aus allem. Die Sucht nach dem Gefühl, das mir Ahmet gab. Die Sucht nach dem Gefühl, als zurückgezogener Mensch plötzlich mutig zu sein und unter Menschen zu gehen. Die Sucht nach dem Gefühl der Wachheit und Erregung, das vom Speed kam.
Das Ganze ging ein Jahr, und dieses Jahr bestand nur aus einem Ablauf: Vortrinken, Speed, Party, Speed, Afterparty. Sex. Nicht schlafen können. Sex. Endlich kurz schlafen. Vortrinken. Speed. Und so weiter.
Mir ging es schlecht. Schlecht von einer Lebensweise, die mich nicht mehr zur Ruhe kommen ließ. Ich wurde immer unglücklicher, denn ich vernachlässigte die Dinge, die ich wirklich liebte und die mich ausmachten. Ich vermisste Bücher, in Geschichten einzutauchen und Abstand von der Welt zu nehmen. Ich vermisste Ruhe in meinen eigenen vier Wänden zu finden, in denen ich mich so gut wie gar nicht mehr befand. Die meiste Zeit verbrachte ich bei Ahmet oder auf Afterpartys mir fremder Menschen.
Nach gut einem Jahr saß ich neben Ahmet auf der Couch und brach in Tränen aus. „Ich kann das alles nicht mehr, ich lebe ein Leben, welches nicht meins ist. Ich bin nicht dieser Mensch, der ich seit einem Jahr vorgebe zu sein. Ich möchte Bücher lesen, ins Kino gehen, und vor allem möchte ich eins, und das ist früh ins Bett gehen!“ Ahmet schaute mich sichtlich verzweifelt an. Mit diesem Gefühlausbruch, mit meinen Tränen konnte er nicht umgehen. Er konnte mir nicht wirklich antworten, er konnte mich nicht auffangen, weshalb ich noch mehr und intensiver anfing zu weinen. Vielleicht zwanzig Minuten saßen wir so nebeneinander. Als ich es endlich wieder schaffte, Worte zu verwenden, sagte ich ihm, dass ich aufhören werde Speed zu nehmen. Dass mein Leben wieder wie vorher werden soll und er, wenn er eine Zukunft mit uns sieht, auch auf Speed verzichten muss. Denn ich wollte nie wieder etwas davon hören, sehen, riechen, schmecken, erleben.
Ahmet konnte nicht darauf verzichten - und so trennten wir uns einige Wochen später. Ich kehrte in das Leben zurück, das mich glücklich machte.
Mittlerweile bin ich Anfang 30, und rückblickend gebe ich Ahmet nicht die Schuld für meine schlaflosen Nächte. Er war der Schlüssel zu der Tür für meinen kurzen Einblick in ein extrovertiertes Partyleben. Diese Tür habe ich selbst aufgemacht und auch wieder geschlossen. Zwischen 21 und 22 Uhr geh ich heutzutage ins Bett, lese noch in einem Buch und genieße dann jede Sekunde meines erholsamen Schlafes.
LuBy, 31 Jahre alt, schreibt seit seiner Kindheit gerne Geschichten, die klischeehaft beginnen und überraschend enden. Wenn er nicht schreibt, plant er vermutlich gerade seine nächste Reise nach Südkorea.



