Schweigen
- Luca Schmidt
- vor 2 Tagen
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2021, Sommer. Ich bin 19 Jahre alt und bei Bekannten zu einer Party eingeladen. Irgendwann sitze ich mit der einzigen anderen Person in meinem Alter im Garten und unterhalte mich. "Bist du in einer Beziehung?", fragt sie mich irgendwann. Ich verneine. Ich bin bis jetzt noch nicht einmal verliebt gewesen und das ganze Beziehungsdrama interessiert mich nicht wirklich. Meine Freunde haben irgendwann angefangen mir halb ernst, halb im Spaß zu unterstellen, ich wäre aromantisch oder würde höchstens Bücher interessant finden. Ich spiele mit, weil es mir am einfachsten erscheint.
Knapp vier Jahre später sitze ich einem Büro eines Therapeuten und soll auf einer Abbildung die Entwicklungsstadien von Kindern bzw. Jugendlichen nach sexueller Ansprechbarkeit bewerten. Sie sind dem nach Alter aufsteigend geordnet. Ich zeige auf das oberste. "Das ist eine Pädophilie", sagt er später. Das wusste ich zwar schon irgendwie, aber es ausgesprochen zu hören fühlt sich nochmal ganz anders an. Seit ich 15 bin, habe ich zwischen Verdrängung und Akzeptanz hin- und hergewechselt, bis dieses Hin und Her anstrengender wurde, als sich mit der Neigung auseinanderzusetzen. Ich habe mir eingeredet, dass das alles nur eine Phase sei und ich mich schon irgendwann in eine gleichaltrige Person verlieben werde.
Wie es mir damit ginge, fragt er mich noch. Ich möchte mich am liebsten in der Ecke zusammenrollen und so tun, als würde die ganze Welt nicht existieren. Ich weiß, was die Gesellschaft über Menschen wie mich denkt, auch wenn ich mich niemals einem Kind gegenüber unangemessen verhalten habe. "Krank" ist noch die harmloseste Bezeichnung. Gleichzeitig fühle ich mich irgendwie erleichtert. Mit Wissen kann man wenigstens arbeiten und vielleicht kann ich jetzt endlich lernen, diesen Teil von mir zu akzeptieren.
Später sitze ich auf dem Marktplatz und telefoniere mit meiner Mutter, bis es spät genug wird, um zum Bahnhof zu gehen. Ich würde ihr gerne von dem Gespräch erzählen und allgemein über alles, was ich an dem Tag gemacht habe. Eigentlich wollte sie zu Besuch kommen, aber ich musste ihr absagen, ohne ihr den Grund dafür nennen zu können. Wie soll ich erklären, dass ich zu einer gottlosen Uhrzeit aufstehe, um einen Zug in eine mehr als zwei Stunden entfernte Stadt zu nehmen, weil ich ein Erstgespräch mit einem Therapeuten vom Projekt "Kein Täter werden" habe? Ich mache mir etwas Sorgen, dass sie glaubt, dass es an ihr liegt. Wir haben eigentlich, seitdem ich von zu Hause ausgezogen bin, ein gutes Verhältnis und ich konnte immer über alle meine Probleme mit ihr reden. Bis jetzt.
Wie fühle ich mich denn jetzt damit? Ich habe Angst. Nicht, dass ich zum Täter werden könnte. Ich würde niemals einem Kind wehtun wollen, und ich weiß durch meine Zwangsstörung, dass zwischen meinen Gedanken und Handlungen Welten liegen.
Ich habe Angst, dass jemand es herausfinden könnte. Vor allem meine Eltern, und dass sie mich dann nie mehr als dieselbe Person wahrnehmen werden. Dass sie jedes Mal, wenn wir spazieren gehen und an einem Spielplatz vorbeikommen, sich fragen, was ich über die Kinder dort denke. Oder dass sie hinter jeder meiner Handlungen ein tieferes Motiv vermuten.
Außerdem habe ich Angst, für den Rest meines Lebens allein zu bleiben. Die meisten mit einer pädophilen Neigung sind nicht ausschließlich an Kindern interessiert, sondern können auch erwachsene Frauen oder Männer attraktiv finden. Ich weiß nicht, ob ich dazugehöre. Während alle in meinem Umfeld bereits mindestens einmal in einer Beziehung waren oder noch sind, hatte ich nie jemanden. Das verunsichert mich schon. Gleichzeitig kann ich das Thema auch nicht vermeiden. Egal wo, sei es in der Uni, in der Gruppentherapie oder wenn ich mich mit Bekannten unterhalte. Immer wieder kehrt das Gespräch zum jeweiligen Partner zurück. Es geht um Geburtstage, gemeinsame Urlaube oder den aktuellsten Konflikt. Man hat das Gefühl, dass romantische Beziehungen das Wichtigste im Leben sind. Wer allein ist, der muss bemitleidet werdet. Ich fühle mich also nicht nur falsch, weil ich diese Neigung besitze, sondern auch, weil ich zu etwas so Alltäglichem wie einer Beziehung nicht in der Lage bin.
Als Reaktion fasse ich nachträglich einen Jahresvorsatz und beschließe, mich für den Rest von 2025 mehr um meine Freundschaften und sozialen Kontakte zu bemühen. Als Erstes schreibe ich eine Bekannte aus dem ersten Semester an und frage sie, ob sie Lust auf einen Spielnachmittag mit ein paar anderen hat. Dasselbe schreibe ich einer weiteren Person. Am Ende sind wir zu viert.
Der Nachmittag wird sogar sehr schön und wir treffen uns ab da regelmäßig alle paar Wochen, mal zum Wandern, im Kino oder wieder zu einem Spielnachmittag. Trotzdem fühle ich mich einsamer als je zuvor. Es kommt regelmäßig die Diskussion um unseren Beziehungsstatus auf und ich sitze daneben und komme mir wie der größte Lügner vor, weil ich diesen Teil von mir verheimliche. Eigentlich habe ich mich immer für einen absolut ehrlichen Menschen gehalten, und auch meine psychischen Probleme habe ich nie versucht geheim zu halten. Wenn mir jemand Fragen dazu gestellt hat, habe ich gerne darüber aufgeklärt. Jetzt aber gibt es diese eine Sache, über die ich mit niemandem reden kann.
Das ist für mich das Schlimmste daran. Nicht die Tatsache, dass ich meine Phantasien niemals werde ausleben können, sondern die Einsamkeit und dass niemand, der mir nahe steht, mich jemals wirklich kennen wird. Wenn meine Eltern mich für mein Engagement an der Uni oder meine Noten loben, denke ich nur: "Wenn du wüsstest, was ich bin, würdest du das nicht sagen.".
Es kommt mir etwas vor, als würde ich ein Doppelleben führen. Auf der einen Seite ist das, was andere von außen zu sehen kriegen. Ich versuche meiner Großmutter der perfekte Enkel zu sein, besuche sie alle zwei Wochen, helfe ihr beim Einkaufen oder leiste ihr einfach nur Gesellschaft. Ich bemühe mich freundlich und hilfsbereit zu sein, auch wenn ich es nicht immer schaffe. In der Uni belege ich viel zu viele Kurse, weil alles interessant erscheint und versuche möglichst gute Noten zu erzielen. Nebenbei engagiere ich mich ehrenamtlich.
Auf der anderen Seite steht alles, was ich nicht sage. Meine Gedanken kreisen ständig um mein Geheimnis. Ich male mir aus, wie es wäre, mit meinen Eltern darüber zu reden. Spiele ihre Reaktion durch und komme doch immer wieder zu dem Schluss, dass es zu riskant ist. Ich verbringe viel Zeit damit, alles zu dem Thema zu lesen und anzuhören, was ich finden kann. Irgendwann traue ich mich, mich in einem Selbsthilfeforum anzumelden, von dessen Existenz ich zwar seit Jahren weiß, wo ich bis jetzt aber nie den Mut zu hatte. Manchmal kommt mir das realer vor, als die echte Welt. Denn dort muss ich keinen Teil von mir verstecken. Ich kann von meinen Erlebnissen berichten und meine Sorgen bezüglich der Neigung besprechen.
So treffe ich zum Beispiel, als ich bei einem Umzug helfe, einen vielleicht elfjährigen Jungen, dessen Lächeln mich komplett verzaubert. Wäre er in meinem Alter, wäre das vielleicht etwas, das ich Freunden erzählen würde. Zumindest haben sie mir solche Sachen oft erzählt. Ich kann es bloß meinem Tagebuch und den anderen im Forum anvertrauen.
Trotzdem versuche ich weiterhin, mehr Kontakte zu knüpfen. Ich setze mich in der Mensa zu den anderen aus meinen Vorlesungen und verbringe mehr Zeit in den gemeinsamen Arbeitsräumen. Es funktioniert erstaunlich gut. Am Ende des Jahres habe ich nicht nur meine Spielnachmittagsgruppe, sondern kenne fast alle, die regelmäßig in der Uni sind, zumindest vom Sehen. In dieser Hinsicht habe ich mein Ziel erreicht.
Im November verabschiede ich mich schließlich aus meiner Gruppentherapie, bei der ich seit fast einem Jahr war. Beim letzten Treffen bekomme ich von jedem ein Kärtchen mit ein paar Abschiedsworten. Es überrascht mich, wie gut sie mich alle kennen und wie gut sie meine Gefühle beschreiben können. Das gibt mir Hoffnung, dass die Menschen, die mir wichtig sind, auch ohne alle Details über mich zu wissen, wissen, wer ich im Grunde bin.
Luca Schmidt, Anfang 20, heißt eigentlich anders. Aufgewachsen ist er in einem kleinen Dorf im Nirgendwo und nach dem Abitur in eine möglichst weit entfernte Stadt gezogen, wo er jetzt an der naturwissenschaftlichen Fakultät studiert. Das Geschichtenschreiben begleitet ihn seit der ersten Klasse.



