Quarterlife Crisis
Die Krise junger Erwachsener
Orientierungslosigkeit, Selbstzweifel, innere Blockaden und die gefühlte Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen - all dies sind Symptome einer Krise in der Lebensphase junger Erwachsener, die auch als "Quarterlife Crisis" bezeichnet wird. Während sich der Begriff bei seiner Schöpfung Ende der 1990er Jahre vor allem auf den Übergang junger Akademiker*innen in die Berufswelt bezog, kann er heute weiter gefasst werden - eine Quarterlife Crisis kann auch bereits nach der Schulzeit, im Studium oder nach Jahren im Beruf auftreten.
Bei steigenden Zahlen in aktueller Forschung kann man davon ausgehen, dass heute ein Großteil der jungen Erwachsenen in der Lebensphase zwischen 18 und 35 Jahren eine solche Krise durchmacht - in unterschiedlicher Ausprägung. Diese reicht von Ruhelosigkeit und dem diffusen Gefühl, dass "etwas nicht stimmt" über sozialen Rückzug bis hin zu Depressionen und Angststörungen.
Aber was steckt hinter dieser neuen Krise in den Generationen Y und Z?

- Alle anderen scheinen ihren Weg gefunden zu haben und weiter zu sein als ich.
- Was, wenn ich die falsche Entscheidung treffe?
- Ich müsste eigentlich viel mehr erreicht haben.
- Ich habe Angst, das Leben zu verpassen.
- Eigentlich läuft es doch - warum bin ich trotzdem ruhelos?
- Was, wenn ich nie etwas finde, das mich erfüllt?
Gedanken in einer Quarterlife Crisis

Der Blick auf die Welt
Wenn junge Erwachsene heute Entscheidungen treffen, dann tun sie dies häufig unter unsicheren Bedingungen. Die Lebensentwürfe ihrer Eltern dienen nicht mehr als Vorbild: Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt sowie der Wandel von Traditionen und Geschlechterrollen haben frühere Lebensmodelle weitgehend überholt.
Orientierung geben stattdessen Medien, die von den Generationen Y und Z soviel genutzt werden wie von keiner Generation zuvor. Dort stoßen junge Erwachsene auf eine Vielzahl von Lebensmöglichkeiten und vermeintlichen Erfolgsgeschichten - begleitet von der Botschaft, dass jede*r das Beste aus seinem Leben rausholen kann. Auch über die meisten Berufe können sich junge Erwachsene heute nur noch medial ein Bild machen - mit zweifelhaftem Realitätsgehalt. Bei den unsicheren Informationen und den geweckten Erwartungen bedeutet die Vielfalt an Lebensmöglichkeiten für junge Erwachsene zugleich Freiheit und Herausforderung.
Der Weg zur Quarterlife Crisis
Aufwachsen
Jugend ist heute zur einer Lebensphase geworden, die bereits stark durch Leistungsdruck und Zukunftsorientierung geprägt ist. Schon Kinder werden gezielt gefördert, um später auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein. Spätestens in der Schule beginnt der Wettbewerb, und viele Jugendliche wissen, dass ihre schulischen Leistungen großen Einfluss auf ihre Zukunft haben. Entsprechend wächst der Druck, mitzuhalten und den „richtigen“ Platz in der Gesellschaft zu finden.
Studium
Die Entscheidung für ein Studium fällt häufig auf unsicherer Grundlage - z.B. des Lieblingsfachs in der Schule, medialer Bilder oder familiärer Erwartungen. Im Studium ist der Druck präsent, es so gut und schnell wie möglich abzuschließen - die Anschlussperspektive bleibt für viele Studierende weiterhin diffus. Schwierigkeiten können bei jungen Erwachsenen, die die Anerkennung ihrer Eltern in der Schulzeit leistungsbezogen erfahren haben, zu starker Verunsicherung und Selbstwertproblemen führen.
Arbeit
Beim Eintritt in die Berufswelt treffen hohe Erwartungen auf Konkurrenzkampf, befristete Arbeitsverträge und oft die ersten reellen Erfahrungen im gewählten Beruf. Bereits im Bewerbungsprozess erleben junge Absolvent*innen wieder Verunsicherung - während medial der Mangel an Fachkräften verbreitet wird, sind 100 umsonst geschriebene Bewerbungen keine Seltenheit. Die Erfahrung, sich im jahrelang vorbeiteten Beruf fehl am Platz zu fühlen, kann eine Identitätskrise auslösen.
Beziehungen im Wandel
Soziale Beziehungen sind in den letzten Jahrzehnten häufiger von Brüchen betroffen: Der Umzug für Studium oder Job, der Studienwechsel oder der Auslandsaufenthalt führen mitunter dazu, dass Freundschaften nur noch aus der Distanz verfügbar sind oder sich gar verlieren.
Partnerschaft erfüllt für viele junge Erwachsene den Wunsch nach Nähe und Beständigkeit. Dem gegenüber stehen die Ich-Bezogenheit und Identitätssuche, die für die Lebensphase aktuell so prägend sind. Unterschiedliche Werte und Zukunftsvorstellungen sowie Phasen von Selbstzweifeln und dem Infragestellen der Lebenssituation können die Beziehung belasten.
Die Loslösung von Geschlechterrollen verpricht gerade Frauen mehr Freiheit. Gleichzeitig sehen sich junge Frauen vielen unterschiedlichen Erwartungen ausgesetzt: Karriere zu machen, autonom zu sein, kinderlos glücklich sein, im angemessenen Alter Enkel zu präsentieren ... Widerprüchliche Botschaften führen bei jungen Frauen häufig zu einer intensiven und oft jahrelangen Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, den eigenen Entscheidungen und Reaktionen des Umfelds.

"Picture Perfect"
Ein großer Energiefresser bei einer Quarterlife Crisis ist die Selbstdarstellung nach außen. Selbst wenn das Studium kurz vor dem Abbruch steht oder das Burnout naht, versuchen junge Erwachsene ein Selbstbild nach außen aufrecht zu erhalten, das ihnen die Anerkennung ihrer Familie und Peers weiterhin gewährleistet. Das gleiche gilt für die eigene Darstellung in sozialen Medien, in denen nach den dort geltenden Regeln ausgewählte Highlights des eigenen Lebens im besten Licht gepostet werden. Die Krux ist, dass gerade der Konsum dieser vermeintlichen Erfolgsgeschichten anderer bei jungen Erwachsenen zur Verringerung des Selbstwerts führt.
Auch auf die Thematik der Quarterlife Crisis reagieren soziale Medien - so dass dort Menschen, die das "gute Leben" offenbar gefunden haben, eine unbegrenzte Anzahl an Tipps zur Selbstfürsorge zur Verfügung stellen. Mit dem übermäßigen Konsum von Mental-Health-Inhalten entsteht ein neuer Trend der Hyperreflexivität: Junge Erwachsene , die sich in ihr Innenleben zurückziehen, sich ständig selbst beobachten und labeln, täglich Journaling betreiben und dort oft endlos nach Antworten auf Lebensfragen suchen. Der Weg aus der Quarterlife Crisis führt jedoch an aktiver Lebensgestaltung - auch mit dem Risiko des "Scheiterns" - nicht vorbei.
Und wie geht es weiter ...?
Vor einigen Jahren galt es als ein Risikofaktor der Quarterlife Crisis, dass junge Erwachsene sich nicht mehr an der der Gesellschaft reiben, sondern sich ihr unter Leistungsdruck anpassen. Inzwischen erleben wir mit der Generation Z die Fridays for Future-Bewegung und die Forderung nach veränderten Arbeitsbedingungen. Die aktive Mitgestaltung von Gesellschaft scheint eines der besten Mittel gegen die Quarterlife Crisis sein.
Wer die Krise dennoch durchlebt hat, geht zumeist mit einem besseren Bewusstsein für die eigenen Werte und Lebensvorstellungen daraus hervor. Dennoch ist Identität in der heutigen Zeit kein abgeschlossenes Projekt. Die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten, Bildern und Ideen, die wir täglich konsumieren, und die selbstbewusste Abgrenzung unseres eigenen Lebensentwurfs bleiben eine lebenslange Aufgabe.

